Leserbrief

Haltung bewahren, Haltung zeigen

Ist es nicht merkwürdig, wie verloren man sich als Mensch hin und wieder fühlen kann? Ein wenig überrascht war ich schon, als ich den Artikel der PZ vom 05.11.2020 mit der Überschrift "Bürgermeisterinnen bewahren Haltung" las. Zuerst weil ich im Alltagstrubel gar nichts von dem entsprechenden Brief wahrgenommen habe. Ich nahm dieses zum Anlass den Inhalt eben dieses zu recherchieren und war ein zweites mal überrascht. Keine Polemik, kein Populismus. Eben die, wie ich empfinde, berechtigte Frage nach Verhältnismäßigkeiten und Alternativen. Ein Stück demokratischer Gesprächskultur und sicher auch Teilhabe, wie man es in den letzten Jahren so oft hört. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, welche in der Verantwortung Ihrer jeweiligen Orte handeln und sich einsetzen, in der Sache, nicht einer hier unpassenden Parteiideologie folgend.

Das ist Haltung, eine positive wie ich finde.

Die im folgenden durch meinen Kopf ziehenden Gedanken sorgten dann für einen weiteren Moment der Überraschung für mich. Unsere MdB wird zitiert wie sie die Unterzeichnenden auffordert "zu Ihrer Verantwortung" zu stehen und unterstellt selbigen "Profilierungslust".

Dies hinterlässt in mir einen äußerst faden Beigeschmack und meine Überzeugung zwingt mich zu fragen: Warum hat man eigentlich vor 10 oder 15 Jahren nicht über die Fleischindustrie und die dort bekanntermaßen üblichen Werksmodelle gesprochen?

Ich selbst bin überzeugter Sozialdemokrat, aus ganzem Herzen. Gleiches als SPD Mitglied zu sagen, fällt mir in dieser Zeit schwer. Es sind eben auch diese kleinen Bemerkungen, wie die beschriebene, die dieses Gefühl hervorrufen. Als Sozialdemokraten haben wir gemeinsame Grundwerte, gemeinsame Einstellungen. Ich bin überzeugt davon, dass dazu auch der offene Austausch, das Anhören und Anerkennen fremder Meinungen und die sachliche Auseinandersetzung gehören. Nur so können wir doch Entscheidungen treffen, welche dem Nutzen aller in unserer Gesellschaft dienen. Nur wenn wir auch alle Teile unserer Gesellschaft anhören und ihre Meinungen und Gefühle eben anerkennen und verstehen lernen.

Eben diese gemeinsamen Grundwerte vermag ich bei solchen abwertenden und teils subtil, teils offen dargelegten Unterstellungen und Schmähungen wie sie erwähnt wurden und wie ich sie in den letzten Monaten oft gehört oder gelesen habe, nicht zu erkennen. Ich vermag nicht zu bestimmen worin die Ursache liegt, ist es Naivität? Vielleicht Betriebsblindheit? Oder die oft erwähnte Entrückung aus der Mitte der Gesellschaft? Womöglich kalte Strategie?

Ich jedenfalls werde versuchen meine Haltung zu bewahren, so wie diese Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Weiterhin gemäß meiner Überzeugung Zeugnis ablegen und jedem der es wünscht die Gründe hierfür zu erläutern. Meine eigenen Worte wählen, auch mal unüberlegt. Bereit mich zu erklären, auf Augenhöhe.

Viele andere Sozialdemokraten, welche ich persönlich kenne, haben ähnliche Gedanken und Empfindungen, eine ähnliche Wahrnehmung unserer Partei. Nicht wenige davon haben gleichzeitig Angst außerhalb von 4 Augen Gesprächen offen zu äußern, was sie sehen und hören, denn Sie haben bereits erlebt, wie ein Teil der etablierten Strukturen Druck ausübt.

Ist dies nun schon parteischädigend? Oder ist es dringend notwendig, endlich wieder unbequemes offen auszusprechen? Dialog oder Parteiordnungsverfahren?

Bleibt Gesund, bleibt solidarisch,

Harald Wolff-Thobaben

Vorsitzender
SPD Ortsverein Neuenbürg

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